„Mir fällt nichts ein…“ — Kreativtechniken im Kunstunterricht

Wer kennt es nicht: Wird mit einer neuen Entwurfsaufgabe im Kunstunterricht begonnen, gehen die einen eifrig an die Arbeit, fangen an zu scribblen, zu zeichnen und zu bauen, während die anderen seufzen: Ich weiß nicht, was ich machen soll… ich habe keine Idee… ich bin unkreativ.

Infokarten Kreativtechniken und Fragekärtchen zur Ideenfindung

Hilfen zur Ideenfindung

Im Idealfall hat man als Lehrer oder Lehrerin in einer solchen Situation ein paar Tipps und Tricks parat, mit denen die Ideenfindung unterstützt werden kann. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Kreativtechniken, die Designer bei ihrer täglichen Arbeit nutzen und die mit Schülerinnen und Schülern im Unterricht ausprobiert, besprochen und geübt werden sollten, um ihnen ein Handwerkszeug zur selbstständigen Entwicklung von Ideen an die Hand zu geben.

Eine Einführung verschiedener Techniken kann z.B. als Stationenlernen oder in Gruppenarbeit mit anschließender Reflexion über Einsatzbereiche und Vorzüge der jeweiligen Methoden geschehen. Sind die Schülerinnen und Schüler dann mit verschiedenen Techniken vertraut, reicht später ein Hinweis und eine Materialsammlung, die im Kunstraum zugänglich ist.

Designpoker

Designpoker

Ein Überblick über einige für den Kunstunterricht nützliche Kreativtechniken ist in der Rubrik „Unterricht / Methodik“ zu finden, weiterführende Informationen bietet z.B. die Seite kreativitätstechniken.info. Ein PDF mit Beschreibungen zu vielen Kreativtechniken hat zudem die IHK Hannover online bereit gestellt.

Auch einige aktuelle Kunstbücher haben das Thema Kreativtechniken im Zusammenhang mit Design schon aufgegriffen, z.B.:

Reclaim HST – Wem gehört Stralsund?

Street Art und Stadtplanung – unser Beitrag zur Projektwoche im November an der JONA Schule Stralsund: Eine Woche lang widmeten wir uns den Frage: Wie sähe Stralsund aus, wenn wir entscheiden dürften? Fragebögen

Zunächst gab es Inputs zur Stadtplanung und Stadtentwicklung von unseren Geografie-Kollegen: Stadtpläne aus verschiedenen Zeiten wurden untersucht um zu verstehen, warum die Stadt heute so aussieht, wie wir sie kennen. In einem nächsten Schritt wurden aktuelle Stadtpläne nach eigenen Bedürfnissen umgestaltet und Umfragen zur Stadt und zur Zufriedenheit der Bürger und Touristen in Stralsund entwickelt. Außerdem wurden themenbezogene Stadtrundgänge von den SchülerInnen geplant und durchgeführt: Eine Gruppe zeigte uns zugezogenen neuen Kolleginnen Orte, die man unbedingt gesehen haben sollte – im positiven wie negativen Sinne. Eine andere Gruppe untersuchte die Stadt auf ihr Potenzial für Street Art. Es wurde viel gesammelt, fotografiert und nachgedacht. Danach ging es an die praktische Arbeit.

Einige Schülerinnen und Schüler entwickelten Konzepte für ein zukünftiges Stralsund; nicht nur mit Papier, Stift und Schere: Eine Gruppe Achtklässler gestaltete ihre ideale Stadt am PC mit „Minecraft“. Andere Gruppen entwarfen Konzepte in Form von Skizzen, Fotomontagen, Texten und Plakaten. Ein großer Teil der SchülerInnen überlegte sich „Sofort-Hilfe-Maßnahmen“ zur Rückeroberung bzw. Anpassung der Stadt an die eigenen Bedürnisse – hier lag der Schwerpunkt auf Street Art bzw. Urban Interventions. Heraus kam eine Vielfalt an spannenden Ideen, die dann auch gleich – zunächst im Schulhaus, dann auf der Straße – umgesetzt wurden, von Sprechblasen über Abreißzettelchen bis hin zu Paste-Ups zur Verdeckung unschöner Schmiereien und Basketball-Installationen an Mülleimern. In Anlehnung an die in der Stadt gefunden Urban-Knitting-Beispiele knüpften einige Schülerinnen stundenlang eifrig Freundschaftsbänder für die Plastiken der Stadt.

Ein Höhepunkt der Woche war das spontane Reclaim-Stralsund-Picknick mit insgesamt etwa 60 SchülerInnen: Wenn die Stadt doch uns allen gehört, sollten wir sie auch so nutzen dürfen. Ein kleiner Info-Flyer klärte verdutzte Passanten und Touristen über das Anliegen der Schülerinnen und Schüler auf.

Alles in allem eine sehr ereignisreiche und spannende Projektwoche, die den Blick auf die Besonderheiten und Kleinigkeiten der „eigenen“ Stadt bei allen Beteiligten stärkte und zum selbstständigen künstlerischen Interagieren mit der urbanen Umgebung nachhaltig ermuntern konnte.

Buchtipps:

  • Entdecke deine Stadt* verfolgt einen ähnlichen Ansatz, allerdings mit dem Fokus auf städtischen Raum.

Beide Bücher liefern tolle Anregungen zur ästhetischen Forschung und Ideen für Projekte. Umfassende, sehr praxisnahe Informationen, Tipps und Anregungen zum ästhetischen Forschen in der Schule gibt es unter kultur-forscher.de. Sehr empfehlenswert, gerade auch wegen der fundierten theoretischen Ausführungen zum Thema, u.a. dem Leitfaden mit Phasenmodell zur Ästhetischen Forschung (hier zum Download) und einem Video, welches das Konzept sehr anschaulich erklärt.

  • Nach wie vor empfehlenswert als Einstieg in das Thema Urban Interventions mit netten kleinen Anregungen: Kery Smiths Guerilla Art Kit* (ebenfalls neuerdings auf deutsch erhältlich).
  • Sehr gute Anregungen und Unterrichtsbeispiele für thematische Stadtrundgänge, Wahrnehmungsübungen und Site-specific Performances gibt es in  K+U 374/375: Orte performativ erschließen.

Also: Auf’s Frühjahr warten und raus auf die Straße!

(*Amazon)

Schrift ohne Stift

Zur Förderung der Experimentierfreude der Schülerinnen und Schüler, bzw. des Denkens in Alternativen während des Gestaltungsprozesses heute ein Vorschlag aus dem Bereich Schriftgestaltung:

Schrift ohne Stift – typografische Experimente im Stationenlernen in Klasse 9.

Hintergrund

Zu Jahresbeginn bot es sich an, inhaltlich zu Vorsätzen und Wünschen für das neue Jahr zu arbeiten. Aber auch zu jeder anderen Zeit im Jahr ist die Unterrichtsreihe durchführbar, z.B. in Anlehnung an Stefan Sagmeisters Projekt „Things I have learned in my life so far“*, bei dem der österreichische Grafik-Design-Star seine wichtigsten Lebensweisheiten sehr eigenwillig typografisch umsetzt und mit den unterschiedlichsten Materialien experimentiert, wie z.B. hier:

Die Aufgabe

Die Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse hatten in Anlehnung an Sagmeisters Werke die Aufgabe, eine Postkartengestaltung mit ihrem Motto (auch in Form eines einzelnen Schlüsselwortes) für das Jahr 2013 zu entwickeln. Der Text sollte dabei bewusst bildhaft gestaltet werden – passend oder ironisch gebrochen. Wichtigstes Kriterium jedoch: Die Ausführung der Arbeit mit Stiften ist nicht erlaubt! Nach der Ideenfindung durch Assoziationsübungen, Brainstorming oder écriture automatique folgte dazu eine Phase des Erprobens verschiedener Möglichkeiten der Gestaltung von Schrift ohne Stift im Stationenlernen. Hier sollten mindestens drei verschiedene Möglichkeiten ausprobiert und entstandene Skizzen und Vorarbeiten zusammen mit der Ideenfindung im Skizzenbuch dokumentiert werden um später als Bestandteil der Bewertung berücksichtigt werden zu können.

Das Stationenlernen

Das Stationenlernen eignet sich hervorragend für das Erproben verschiedener Materialien und Techniken, da die SuS ihren Neigungen entsprechend eine Auswahl treffen können – es müssen nicht von jedem Schüler alle Stationen bearbeitet werden. Auch die Arbeitsdauer pro Station kann individuell bestimmt werden. Ein Laufzettel schafft dabei Orientierung. Zudem können an den einzelnen Stationen Materialien und Werkzeuge bereitgestellt werden, die nur in geringen Mengen verfügbar sind, und somit sonst nicht für alle SuS zur Verfügung stehen könnten. Die Lernatmosphäre mit Werkstatt-Charakter animierte auch eher zurückhaltende Schülerinnen und Schüler zum Experimentieren – häufig in Partnerarbeit.

Hier gibt es einen Überblick über die Vor- und Nachteile des Stationenlernens im Kunstunterricht.

Schrift ohne Stift — mögliche Stationen:

  • Materialwörter
  • Schrift mit dem Körper gestalten
  • Mit Licht schreiben
  • Buchstaben „finden“
  • Projektionen à la Jenny Holzer
  • Sticken und Nähen

Schülerinnen bei der Arbeit

Literaturempfehlungen:

Anregungen und Beispiele zum Erstellen der einzelnen Stationen finden sich u.a. in folgender Literatur:

(*=Amazon)